„So wirklich zufrieden ist eigentlich niemand.“

Michael arbeitet als Aushilfe in einem der größten deutschen Discounter und berichtet im Interview mit Perspektive von seinen Arbeitsbedingungen im Supermarkt.

Warum arbeitest du als geringfügiger Beschäftigter im Supermarkt?

Meinen alten Nebenjob habe ich etwas vor Ausbruch der Pandemie gekündigt, weil er mir nicht mehr so gefallen hat, insofern musste ich mir dann etwas Neues suchen. Viele andere Optionen gab es aber im ersten Lockdown schlicht nicht.

Tatsächlich bräuchte ich eigentlich etwas mehr als 450€, um von meinen Eltern finanziell unabhängig zu werden, aber darauf ist mein jetziger Arbeitgeber nicht eingegangen. Neue, ungelernte Leute werden dort grundsätzlich nur als geringfügig Beschäftigte eingestellt.

Welche Rolle spielen geringfügige Beschäftigte in eurem Team?

Der Konzern, bei dem ich arbeite, ist sogar ein bisschen berüchtigt dafür, besonders stark auf geringfügig Beschäftigte zu setzen. Die machen bei uns etwa die Hälfte aller Beschäftigten aus.

Ich würde sagen: es ist so, dass die – meistens gelernten – erfahreneren Verkäufer:innen den Grundstock der Arbeit im Laden leisten müssen: Die Ware verräumen, Werbung und Preisschilder organisieren und sich zum Beispiel um den Backwaren-Selbstbedienungsbereich kümmern.

Die geringfügig Beschäftigten hingegen werden hauptsächlich zum Kassieren eingesetzt, aber auch für andere unterstützende Arbeiten herangezogen, zum Beispiel „Ware vorziehen“, das heißt: täglich müssen die Waren, die hinten im Regal stehen, so nach vorne gestellt werden, dass sie gut sichtbar sind und die Regale voll wirken. Anscheinend regt das die Kund:innen zum Kaufen an.

Wie schätzt du die Arbeitsbedingungen im Allgemeinen ein?

So wirklich zufrieden ist eigentlich keiner. Ich arbeite jetzt ein Jahr dort und die meisten Kolleg:innen haben das Gefühl, bei keinem besonders tollen Arbeitgeber angestellt zu sein. Geringfügig Beschäftigte kriegen sowieso nur Mindestlohn – Ver.di meint, das sei rechtswidrig, aber so ist es hier. Die anderen kriegen zwar Tariflohn, dafür ist es aber auch vollkommen normal, jeden Tag eine halbe bis ganze Stunde komplett unbezahlt Überstunden zu machen.

Es scheint sich zu lohnen. Denn mein Arbeitgeber weigert sich weiterhin standhaft, elektronische Stechuhren einzuführen, wie sie andere Discounter schon lange haben.

Wie ist das Verhältnis unter den voll- oder teilzeitbeschäftigten Kolleg:innen?

Bei mir ist es ziemlich kollegial. Aber der ständige Stress wirkt sich oft auch auf die Stimmung aus. Ich denke, die schon lange im Betrieb Beschäftigten haben klar, dass wir Aushilfen eine Art kostengünstige Ergänzung sein sollen.

Gleichzeitig sind die Perspektiven sehr unterschiedlich, einige Kolleginnen sind seit 30 Jahren oder mehr dabei. Bei den Aushilfen bin ich nun mit etwas mehr als einem Jahr am längsten dabei. Logisch – wer kann, sucht sich schnell einen Job, bei dem man für weniger Stress mehr als den Mindestlohn bekommt.

Wie hat sich die Pandemie auf die Arbeitsverhältnisse bei euch ausgewirkt?

Einen wirklichen Vergleich zu vorher kann ich nicht ziehen, weil ich erst in der Pandemie angefangen habe in diesem Unternehmen. Aber der Umsatz und somit auch die Arbeitsbelastung sind stark angestiegen.

Was auf jeden Fall häufiger passiert, ist, dass Kund:innen sich gegenseitig anpampen, entweder weil einer der beiden die Maske nicht richtig trägt oder nicht genug Abstand gehalten wird. Da kommt dann oft noch dazu, dass wir vermitteln müssen, damit sich die Leute nicht an der Kasse gegenseitig anschreien und damit natürlich auch den ganzen Verkehr aufhalten.

Quelle: Perspektive Online

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