Arbeit bei Amazon: „Diese neun Wochen waren seelenzermürbend.“

Wir haben uns mit Tina getroffen. Tina wurde vor einigen Jahren bei Amazon im Standort Leipzig als befristete Arbeitskraft eingestellt. Auch der Leipziger Standort wird immer wieder von den Gewerkschaften bestreikt. Tina erzählt uns von den erniedrigenden Arbeitsbedingungen und weshalb sie nicht daran glaubt, dass die von ver.di geführten Verhandlungen und Streiks daran etwas ändern können.

Du hast vor wenigen Jahren im Weihnachtsgeschäft von Amazon gearbeitet. Weshalb hast du dich dort beworben?

Ich hatte einen großen Wunsch, den ich mir erfüllen wollte. Also habe ich nach einem Job gesucht, um kurzfristig etwas dazu zu verdienen. Ich habe einen Aushang gesehen, dass für November und Dezember Hilfskräfte im Versand gesucht werden. Dass es dabei um Amazon geht, habe ich erst viel später erfahren. Ich wurde zum Jobinterview eingeladen und wurde am Ende gefragt: „Wenn wir Ihnen jetzt verraten, dass es hier um Amazon geht, würden Sie sich trotzdem bereit erklären, den Job anzunehmen?“

Also hast du dich gar nicht direkt bei Amazon beworben, sondern wurdest zuerst überzeugt, den Job im Versand anzunehmen, und hast dann erfahren, worum es eigentlich geht?

Ja, genauso war es. Amazon lockt die Leute durch eine vermeintlich übertarifliche Bezahlung. Dass ein gewisser Prozentsatz von meinem Lohn aber an den Jobvermittler ging, der mich „gewonnen“ hat, das wusste ich nicht. Ich habe das Geld damals dringend gebraucht, deshalb habe ich trotz allem zugesagt. Hätte ich vorher gewusst, was auf mich zukommen wird – ich hätte das für keinen Cent der Welt gemacht. Diese neun Wochen waren seelenzermürbend.

Wie wurdest du auf deinen ersten Arbeitstag vorbereitet?

An unserem ersten Arbeitstag erhielten wir eine Schulung, nachdem wir bereits fünf Stunden in der Halle standen und mitgeholfen haben. Ich wurde den Packern zugeteilt, musste also die von den Pickern zusammengesuchte Ware verpacken. Für die Schulung wurden wir in einen Raum mit Stühlen geführt. Wir durften uns während der Schulung jedoch nicht setzen, obwohl der Mann, der die Schulung durchgeführt hat, selber auf einem Stuhl saß. Auf Nachfrage einer älteren Frau, ob wir uns nicht setzen dürften, sagte er: „Ihr habt einen Arbeitsvertrag für eine stehende Tätigkeit unterschrieben, also nein, hier darf sich niemand setzen.“

Gab es solche Situationen öfter?

Das Argument der stehenden Tätigkeit wurde gerne verwendet. In dem Jahr, als ich bei Amazon war, hat der Konzern sich verkalkuliert und etwas mehr Leute angestellt, als tatsächlich gebraucht wurden. Aber anstatt die Leute einfach früher in den Feierabend zu schicken oder einen Tag mehr frei zu geben, hat Amazon uns vor die Wahl gestellt. Entweder wir gehen nach Hause und werden nicht bezahlt, oder wir gehen in einen Raum, und stehen. Das ist kein Witz. Wir haben ja einer stehenden Tätigkeit zugestimmt und sich zu setzen, das wäre gleichbedeutend mit Pause machen, und das wird nicht bezahlt.

Die einzige Möglichkeit, sich zu setzen, war also die Pausenzeit?

Theoretisch. Dazu ist es aber fast nie gekommen. Die Pausenzeiten waren sehr eng bemessen und der Pausenraum war weit weg von der Halle. Bis ich den Raum erreicht hatte, musste ich schon wieder umdrehen, sonst wäre ich zu spät zurück gekommen. Ich habe dann verstanden, warum die Leute bei Amazon immer rennen. Man schafft es sonst einfach nicht.

Die einzige Möglichkeit, mal kurz Luft zu holen und diesem tosenden Lärm zu entkommen, ist der Toilettengang. Aber auch das wird streng kontrolliert. Wir mussten uns dafür ausstempeln und wer zu lange auf der Toilette war, hat das vom Gehalt abgezogen bekommen. Es gab Leute, die haben das sehr genau kontrolliert und uns rund um die Uhr beobachtet. Es geht alles um Zeit, um jede Minute. Das sind keine einzelnen Situationen, das ist die komplette Atmosphäre.

Diese Demütigung und Kontrolle beginnt ja schon zu Dienstbeginn in der Schleuse, wo dir alles abgenommen wird. Vor allem migrantische Mitarbeiter:innen wurden von Kopf bis Fuß gefilzt, teils mehrmals am Tag, da ihnen unterstellt wurde, sie würden klauen. Das war sehr auffällig.

Haben sich die Mitarbeiter:innen gegen diese Zustände organisiert?

Damals, als ich dort gearbeitet habe, wurde bereits gestreikt. Aber das interessiert ja fast keinen. Außerdem werden die Leute, die im Weihnachtsgeschäft oder nur kurzfristig dort arbeiten, bewusst von den Festangestellten ferngehalten, zum Beispiel durch getrennte Pausenräume. Deswegen hatten wir kaum Kontakte zu organisierten Mitarbeiter:innen.

Auch wenn ich solidarisch hinter den Streikenden stehe: Mit Geld hast du so viel Macht , dass du dir alles erlauben kannst. Amazon wird nie etwas passieren, deswegen gehören die boykottiert. Amazon ist für mich der Inbegriff von Kapitalismus. Ich hatte das Gefühl, dort an eine Maschine angeschlossen zu werden. Der Kampf um jede Sekunde, in der man kurz was trinken kann oder dem Lärm entkommen kann. So ein Konzern, so ein Arbeitgeber lässt sich nicht reformieren. Die Art und Weise, wie Amazon mit seinen Mitarbeiter:innen umgeht und wie die bezahlt werden, ist ja der Grund, weshalb die so erfolgreich sind. Ich selber würde dort keinen Fuß mehr hineinsetzen. Aber die meisten, die dort arbeiten, können sich das nicht aussuchen. Um zu überleben, nimmst du am Ende eben alles, was du bekommst.

Quelle: Perspektive Online

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